Kategorien
Allgemein

Synästhesie – ein Leben in „Halluzination“

Ein weiteres mal führt der Schreiber dieses Artikels den Leser in eine andere Welt der Wahrnehmung…

Unsere Augen fangen mit den Fotorezeptoren unterschiedliche Wellenlängen elektromagnetischer Strahlung (Licht) auf, welche im Gehirn als Bild mit Farben und Raumverständnis wahrgenommen werden. 

Unsere Ohren fangen mit dem Trommelfell unterschiedlich intensive Schallschwingungen auf, welche im Gehirn als Töne, Klänge oder Geräusche wahrgenommen werden.

Unsere Zunge und unser Rachen nehmen über die Geschmacksknospen chemische Reize auf, welche im Gehirn in 5 verschiedenen Geschmacksrichtungen (sauer, bitter, salzig, süß und umami) wahrgenommen werden. 

Unsere Nase nimmt über die Geruchsrezeptoren, ebenso wie der Mund, chemische Reize auf. Im Gehirn werden diese als angenehme oder unangenehme Gerüche wahrgenommen. Nase und Mund stehen in Verbindung, ohne dem Geruchssinn wäre der Geschmackssinn nicht so ausgeprägt.

Unsere Haut hat verschiedene Arten von Rezeptoren, welche in Mechano-,  Thermo- und Schmerzrezeptoren unterteilt werden. Diese Rezeptoren nehmen Druck, Berührung, Vibration, Temperatur und Schmerz auf, welche im Gehirn als diese wahrgenommen werden. 

Der Begriff Synästhesie (altgr.: syn = zusammen, aisthesis = Empfindung) steht für „zugleich wahrnehmen“ oder die „Vermischung von Sinnen“ und kann angeboren sein*, nach beispielsweise einer Erblindung auftreten oder durch das Konsumieren von halluzinogenen Substanzen hervorgerufen werden. Neuronal gesehen nimmt nicht nur das Verarbeitungszentrum von einem Sinn einen Reiz wahr, sondern auch das Verarbeitungszentrum eines anderen Sinnesorgans. Zum Beispiel sieht man beim Hören von Musik Farben, schmeckt beim Essen eines Apfels Vierecke, empfindet beim Sehen von Farben Wärme und Kälte oder fühlt beim Zusehen wie eine andere Person berührt wird, die Berührung an der gleichen Körperstelle. Synästhesie gilt nicht als Beeinträchtigung oder Störung.

Menschen die eine solche oder ähnliche Wahrnehmung haben werden als Synästheten bezeichnet. Es gibt mehrere Formen von Synästhesie. Eingeteilt werden sie in Genuine Synästhesie (ein äußerer Reiz löst eine synästhetische Wahrnehmung aus), Gefühlssynästhesie (Gefühle lösen eine synästhetische Wahrnehmung aus) und Metaphorische Synästhesie (dies ist ein wissenschaftlich fast unerforschtes assoziatives Phänomen, welches bei jedem Menschen auftreten kann, wo ein Gefühlszustand mit einer zugeordneten Imagination auftreten).

Der Neurologe Richard Cytowic legte sechs Merkmale fest:

  1. Synästhesien sind unwillkürlich und brauchen einen Auslöser
  2. Synästhesien sind eindeutig unterscheidbar (z.B.: werden bei beiden gesprochenen Buchstaben F und X grün empfunden, jedoch in verschiednen Farbtönen)
  3. Auslöser bei Synästhesien sind meistens einfache und abstrakte Formen (z.B.: geometrische Formen)
  4. Synästhesien sind erinnerbar
  5. Synästhesie ist wie eine Einbahn. Beim Musikhören werden farben gesehen, jedoch nicht umgekehrt. Wobei manche Synästheten die Formen, Zahlen oder Buchstaben farbig sehen auch gesehene Farben unbewusst in Formen, Zahlen oder Buchstaben umwandeln.
  6. Synästhesie ist noetisch, das bedeutet, dass sich die synästhetische Wahrnehmung natürlich anfühlt; es war schon immer so. (*Das liegt wahrscheinlich daran, dass Synästhesie (Nervenverbindungen zwischen dem sensorischen System, das den auslösenden Reiz verarbeitet und demjenigen, in dem ein zusätzlicher Sinneseindruck entsteht) bei jedem Menschen angeboren ist, sich jedoch bei fast allen Menschen innerhalb von 3 Monaten zurückbildet oder ganz verschwindet. Manche jedoch verfügen über Gene, die dafür sorgen, dass diese Verbindungen (Synästhesie) bleiben. Synästhesie entwickelt sich mit den Sinnen. Ein Kleinkind das langsam Farben oder Gerüche und Geschmäcker bewusst kennenlernt, wenn es beginnt zu denken, lernt auch erst dann synästhetische Wahrnehmungen bewusst kennen. Dieser Bereich ist jedoch ebenfalls noch nicht gründlich erforscht.)

 

Manche von ihnen besitzen ein absolutes Gehör. Dies ist die Möglichkeit sich zu einer beliebigen Tobezeichnung oder Klaviertaste die dazugehörige Tonhöhe vorzustellen oder wahrzunehmen, ohne sie zu hören, zu summen oder zu singen. Zu dieser Fähigkeit kann auch noch eine dritte Komponente, die Farbe, dazukommen. Das bedeutet, dass drei Wahrnehmungen gleichzeitig auftreten: Klaviertaste (Tastsinn), Tonhöhe (Geräusch) und Farbe (Sehsinn) bzw. Tonbezeichnung (Geräusch), Tonhöhe (Geräusch) und Farbe (Sehsinn).

„Die Farbe ist die Taste. Das Auge ist der Hammer. Die Seele ist das Klavier mit vielen Saiten.“ -Kandinsky, 1911

Synästheten sind meistens sehr kreative Menschen, nicht nur in Bereichen der Kunst sondern auch in der Problemlösung. Sie können sich durch ihre visuelle Imagination Objekte vorstellen, umändern, manipulieren, etc. und dadurch andere Wege zu einer Lösung finden. Richard Feynman, ein amerikanischer Physiker, der im 20. Jahrhundert wesentliche Erklärungen zum Verständnis der Quantenfeldtheorien lieferte, nützte zum Beispiel sein synästhetisches Denken so, dass er sich seine Konzepte zuerst im Kopf vorstellte und sie dann erst in mathematische Formeln übersetzte.

Das ganze Synästhesie-Phänomen könnte doch auch reine Einbildung oder intensive Fantasie sein oder? Nein, anscheinend nicht, es gibt einen „Beweis“ dafür, dass Synästhesie keine Vorstellung durch gesteigerte Fantasie oder mnemonischen Techniken (Gedächtnistraining) ist. Die V4/V8-Region im Gehirn ist die visuelle Region, in der Farben verarbeitet werden. In beiden, der linken und der rechten Gehirnhälfte, gibt es eine V4/V8-Region. Bei Wort-Farb-Synästheten leuchtet das linke V4/V8-Areal nur bei Wörtern aber nicht bei Farben auf.

Bei mir persönlich kommt beim letzten Absatz diese Frage hoch: Ob es „wegen der Synästhesie passiert“ oder eine „Vorstellung“ ist, ist doch das gleiche oder? Wenn ich beim Hören von Wörtern absichtlich an Farben denke, oder es unwillkürlich passiert, leuchtet doch beim Messen meines Gehirns die gleiche Region auf oder?  Ich bin kein Neurologe und kenne mich in dieser Wissenschaft nicht sonderlich gut aus, vielleicht kann mir ja ein Leser dieses Beitrags eine Antwort geben; ich würde mich freuen.

Danke für´s Lesen und einen schönen Tag noch 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.